SELBSTCOACHING: WENIGER STRESS & GESÜNDER FÜHREN

SELBSTCOACHING: WENIGER STRESS & GESÜNDER FÜHREN

Müssen wir immer noch effizienter werden - oder ist es für einen langfristigen Erfolg nicht viel bedeutender das Wesentliche zu erkennen?!? Und genau dafür ist ein regelmäßiges Selbstcoaching von Führungskräften notwendig...innere Antreiber hinterfragen, Grenzen setzen und mit mehr Gelassenheit gesund führen.

Weniger müssen, mehr dürfen

Die To-do-Liste ist lang, das E-Mail-Postfach quillt über, das nächste Meeting wartet bereits. Gleichzeitig möchte man für das Team da sein, strategische Entscheidungen treffen und den eigenen Ansprüchen gerecht werden. Und nach Feierabend? Am besten noch Sport treiben, Zeit mit der Familie verbringen und sich persönlich weiterentwickeln. Schließlich scheinen andere das alles auch mühelos hinzubekommen.
Genau diese Situation kommt vielen bekannt vor, oder?!?

Gerade Führungskräfte und Menschen mit hoher beruflicher Verantwortung geraten schnell in einen Modus, in dem das Funktionieren wichtiger wird als das eigene Wohlbefinden. Sie organisieren, optimieren und leisten – oft so lange, bis die eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrgenommen werden. Die paradoxe Folge: Je mehr sie schaffen wollen, desto weniger Energie bleibt für das, was ihnen eigentlich wichtig ist.
Doch was, wenn nicht die nächste Produktivitätsmethode, sondern eine veränderte innere Haltung der Schlüssel zu mehr Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit ist?!?

 

Das Hamsterrad steht oft auch in unserem Kopf

Wenn Stress zum Dauerzustand wird, suchen wir die Ursachen häufig im Außen: zu viele Aufgaben, zu wenig Personal, enge Zeitpläne oder hohe Erwartungen. Diese Belastungen sind real und dürfen keinesfalls ignoriert werden. Doch zusätzlich wirken innere Antreiber, die den Druck weiter verstärken.
„Ich muss das noch erledigen.“ „Ich darf niemanden enttäuschen.“ „Ich muss besser werden.“ „Eine Pause kann ich mir jetzt nicht leisten.“ Solche Gedanken können dazu führen, dass wir uns selbst permanent antreiben – selbst dann, wenn eine Aufgabe warten könnte oder der Körper längst eine Pause signalisiert.

Dabei ist nicht jede Belastung allein durch bessere Selbstorganisation zu bewältigen. Natürlich können klare Prioritäten, effiziente Meetings und eine sinnvolle Aufgabenverteilung helfen. Doch wer grundsätzlich glaubt, immer mehr leisten zu müssen, wird auch die gewonnene Zeit schnell wieder mit neuen Verpflichtungen füllen. Der entscheidende Ansatzpunkt liegt deshalb häufig tiefer: bei der eigenen Haltung gegenüber Arbeit, Leistung und sich selbst.

Gesundes Arbeiten beginnt nicht nur mit der Frage, wie wir unsere Zeit besser nutzen. Es beginnt auch mit der Frage, wofür wir unsere Energie überhaupt einsetzen wollen.

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Selbstcoaching: Den eigenen inneren Kompass wiederfinden

Selbstcoaching bedeutet, sich bewusst mit den eigenen Gedanken, Bedürfnissen, Werten und Verhaltensmustern auseinanderzusetzen. Es geht darum, die eigenen automatischen Reaktionen zu erkennen, bisherige Gewohnheiten zu hinterfragen und selbstbestimmtere Entscheidungen zu treffen.
Dabei steht nicht die Selbstoptimierung im Vordergrund. Es geht gerade nicht darum, sich eine weitere Aufgabe auf die ohnehin schon volle Liste zu setzen. Vielmehr geht es darum, unnötigen inneren Druck abzubauen und wieder Zugang zu den eigenen Ressourcen zu finden.
Drei Fragen können dabei besonders hilfreich sein:

  • Was ist mir wirklich wichtig – beruflich und privat?
  • Welche Erwartungen habe ich tatsächlich zu erfüllen, und welche stelle ich vor allem an mich selbst?
  • Was darf ich loslassen, verändern oder bewusst nicht tun?

Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, erkennt häufig, dass nicht jede Verpflichtung gleich wichtig ist und nicht jeder Anspruch tatsächlich zu den eigenen Werten passt. Vielleicht muss nicht jede E-Mail sofort beantwortet werden. Vielleicht muss eine Führungskraft nicht bei jeder Entscheidung selbst involviert sein. Vielleicht darf ein Abend auf dem Sofa einfach ein Abend auf dem Sofa sein – ohne schlechtes Gewissen.
Denn Regeneration ist keine verlorene Zeit. Sie ist eine wichtige Voraussetzung dafür, langfristig gesund, konzentriert und handlungsfähig zu bleiben.

 

Vier typische Stressverstärker – und wie wir ihnen begegnen können

Der innere Antreiber: „Genug ist nie genug“
Menschen mit hohen Leistungsansprüchen setzen sich häufig selbst unter Druck. Erreichte Ziele werden schnell zur neuen Ausgangsbasis, während Erfolge kaum bewusst wahrgenommen werden.

Der Perspektivwechsel: Statt sich ständig zu fragen, was noch fehlt, lohnt sich der Blick auf das, was bereits gelungen ist. Selbstreflexion bedeutet dabei, die eigenen Muster wahrzunehmen, ohne sich dafür abzuwerten. Aus „Ich habe schon wieder nicht genug geschafft“ kann die Frage werden: „Was war heute wichtig, und was habe ich tatsächlich erreicht?“

 

Der Perfektionismus: „Ich muss allem gerecht werden“
Erfolgreiche Führungskraft, engagierter Elternteil, sportlich aktiv, stets informiert und persönlich weiterentwickelt – die Liste der vermeintlichen Anforderungen kann endlos werden. Besonders belastend wird es, wenn wir glauben, auf allen Gebieten gleichzeitig Spitzenleistungen erbringen zu müssen.

Der Perspektivwechsel: Nicht alles, was möglich ist, ist auch notwendig. Fragen Sie sich, welche Lebensbereiche Ihnen wirklich wichtig sind und wo ein realistischer, guter Standard vollkommen ausreicht. Perfektion ist kein überzeugender Maßstab für ein gesundes Leben.

 

Der Vergleich: „Die anderen bekommen das doch auch hin“
Ob im beruflichen Umfeld oder in sozialen Medien: Wir sehen die Erfolge anderer und vergleichen sie mit unserem eigenen Alltag. Dabei vergessen wir leicht, dass wir häufig nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen.

Der Perspektivwechsel: Der Maßstab für die eigene Entwicklung muss nicht der Erfolg anderer Menschen sein. Entscheidend ist, welche Fähigkeiten, Werte und Rahmenbedingungen zu Ihnen passen. Selbstwirksamkeit entsteht, wenn Sie Ihre eigenen Möglichkeiten erkennen und nutzen, statt ständig einem fremden Ideal hinterherzulaufen.

 

Das fehlende Nein: „Ich will niemanden enttäuschen“
Zusätzliche Aufgaben übernehmen, Termine ermöglichen, Erwartungen erfüllen – wer immer verfügbar ist, wirkt zunächst engagiert. Auf Dauer kann dieses Verhalten jedoch die eigenen Ressourcen erschöpfen.

Der Perspektivwechsel: Grenzen zu setzen, ist kein Zeichen mangelnder Leistungsbereitschaft. Es ist ein Ausdruck von Verantwortung. Ein begründetes Nein schafft Klarheit, schützt die eigene Energie und hilft dabei, Zusagen einzuhalten, die wirklich wichtig sind.

 

Selbstfokussierung: Raus aus dem Gedankenkarussell

Wer ständig gedanklich bei der nächsten Aufgabe ist, verliert leicht den Kontakt zu sich selbst. Selbstfokussierung hilft dabei, die Aufmerksamkeit bewusst zurückzuholen: zum eigenen Körper, zum gegenwärtigen Moment und zu den eigenen Bedürfnissen. Dafür braucht es weder ein Retreat in den Bergen noch eine zusätzliche Stunde im Kalender. Schon wenige Minuten können einen wertvollen Unterschied machen. Drei einfache Übungen für den Alltag:

Die Gehmeditation: Bewegung als Denkpause
Gehen Sie einige Minuten bewusst langsamer als gewöhnlich. Nehmen Sie Ihre Schritte, Ihre Atmung und Ihre Umgebung wahr. Lassen Sie das Smartphone in der Tasche und verzichten Sie darauf, die Zeit gleichzeitig für Telefonate oder Nachrichten zu nutzen.
Fragen Sie sich dabei: Was gibt mir Energie? Was beschäftigt mich? Was ist gerade zu viel? Und worauf möchte ich nicht verzichten?
Manchmal entstehen die wichtigsten Erkenntnisse genau dann, wenn wir aufhören, krampfhaft nach Lösungen zu suchen.

Der Körper-Check: Was signalisiert mir mein Körper?
Setzen Sie sich bequem hin, schließen Sie für einen Moment die Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Körper. Wie fühlen sich Ihre Schultern an? Ist der Kiefer angespannt? Wie ruhig oder flach ist Ihre Atmung? Wo spüren Sie Leichtigkeit, wo Druck?
Es geht nicht darum, etwas sofort verändern zu müssen. Der erste Schritt besteht darin, wahrzunehmen, was gerade ist. Körperliche Signale können Hinweise darauf geben, dass wir eine Pause benötigen oder über längere Zeit unsere Belastungsgrenzen überschreiten.

Die Gedanken vorbeiziehen lassen: Nicht jeder Gedanke braucht eine Antwort
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an einem Fluss und beobachten die vorbeifahrenden Boote. Jedes Boot steht für einen Gedanken: das schwierige Mitarbeitergespräch, die unerledigte Aufgabe oder die Sorge vor dem nächsten Termin.
Sie müssen nicht auf jedes Boot aufspringen. Nehmen Sie den Gedanken wahr, ohne ihn sofort zu bewerten oder weiterzuverfolgen. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit anschließend wieder auf Ihren Atem.
Diese Übung schafft inneren Abstand. Gedanken verschwinden dadurch nicht zwangsläufig, aber wir können lernen, ihnen weniger ausgeliefert zu sein.

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Healthy Leadership beginnt bei der eigenen Haltung

Selbstcoaching ist nicht nur ein persönliches Gesundheitsthema. Es hat unmittelbare Bedeutung für Führung.
Wer die eigenen Grenzen ignoriert, wird es schwerer haben, die Grenzen anderer ernst zu nehmen. Wer sich selbst permanent unter Druck setzt, läuft Gefahr, diesen Druck bewusst oder unbewusst an das Team weiterzugeben. Und wer glaubt, jederzeit funktionieren zu müssen, vermittelt möglicherweise genau diese Erwartung an seine Mitarbeitenden.

Gesunde Führung beginnt deshalb auch mit der Bereitschaft, das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren: Welche Erwartungen lebe ich vor? Wie gehe ich mit Fehlern und Erschöpfung um? Erlaube ich Pausen – auch mir selbst? Kann ich Aufgaben abgeben und Verantwortung teilen?

Dabei geht es nicht darum, strukturelle Probleme durch persönliche Resilienz zu überdecken. Zu hohe Arbeitslast, unklare Zuständigkeiten oder fehlende Ressourcen müssen auf organisationaler Ebene angegangen werden. Selbstcoaching ersetzt keine guten Arbeitsbedingungen. Es hilft jedoch, die eigenen Handlungsspielräume besser zu erkennen und bewusster zu nutzen.

Eine Führungskraft, die mit den eigenen Ressourcen verantwortungsvoll umgeht, schafft damit auch eine Grundlage für eine gesündere Zusammenarbeit.

 

Weniger müssen. Mehr dürfen. Gesünder arbeiten.

Vielleicht besteht die wichtigste Erkenntnis darin, dass wir nicht jede Belastung durch noch mehr Anstrengung bewältigen müssen. Manchmal entsteht neue Kraft gerade dadurch, dass wir etwas weglassen, Ansprüche überprüfen oder uns bewusst eine Pause erlauben.

Das bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben oder sich aus Herausforderungen zurückzuziehen. Es bedeutet, zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen zu unterscheiden – und die eigene Energie dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirkt.

Was brauche ich gerade? Was ist jetzt wirklich wichtig? Was darf ich guten Gewissens loslassen?

Man muss nicht alle Antworten sofort finden. Schon die Bereitschaft, sich diese Fragen zu stellen, kann einen Unterschied machen.

Denn gesundes Arbeiten beginnt nicht erst dann, wenn der Kalender leerer wird. Es beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, uns selbst permanent anzutreiben, und wieder lernen, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Die entscheidende Frage lautet also nicht immer: Wie schaffe ich noch mehr? Sondern manchmal: Was darf ich weglassen, damit das Wesentliche wieder Platz bekommt?

Das ist kein Rückschritt. Es ist ein bewusster Schritt hin zu mehr Gelassenheit, nachhaltiger Leistungsfähigkeit und "Healthy Leadership".

Themenbereich:

Stress & Regeneration
Healthy Leadership

Autoren

André van de Kamp

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